Begründung des Kapitalismus aus der Natur des Menschen

Einleitung: Kapitalismus und Anthropologie

Die Frage nach der anthropologischen Fundierung des Kapitalismus gehört zu den grundlegenden Themen sowohl der Wirtschaftssoziologie als auch der politischen Theorie. Ist der Kapitalismus das Ergebnis spezifischer historischer Entwicklungen, oder wurzelt er tiefer – in der „Natur des Menschen“? Diese Debatte, die auf eine lange ideengeschichtliche Tradition zurückblickt, gewinnt angesichts globaler Krisen des kapitalistischen Wirtschaftssystems erneut an Brisanz. Die vorliegende Analyse nähert sich dem Thema pluralistisch – aus ökonomischer, soziologischer, politischer und ethischer Perspektive – und beleuchtet verschiedene theoretische Zugänge, die den Kapitalismus nicht nur als System, sondern als Ausdruck menschlicher Dispositionen.

Ökonomisch-anthropologische Fundierungen: Leidenschaften und Interessen

Ein zentraler Ausgangspunkt in der Debatte um die anthropologischen Grundlagen des Kapitalismus ist die klassische Trennung zwischen Leidenschaften und Interessen, wie sie Albert O. Hirschman in seinem Werk „Leidenschaften und Interessen“ analysiert hat. In der frühneuzeitlichen politischen Theorie galt es, die destruktiven menschlichen Affekte – insbesondere Gier, Ehrgeiz und Machthunger – zu zähmen. Die kapitalistische Ordnung wurde dabei als eine Art moralisches Gleichgewicht entworfen: Indem man das Interesse als rationale, berechenbare Form menschlichen Begehrens institutionell stärkte, sollten die irrationalen Leidenschaften kontrolliert werden. So wurde der Kapitalismus nicht trotz, sondern wegen der menschlichen Triebstruktur als rationale Ordnung legitimiert (Hirschman 1977).

Verena Zink4 greift diese Lesart in emotionssoziologischer Perspektive auf, indem sie zeigt, wie sehr kapitalistische Logiken auf einer produktiven Umformung affektiver Energien beruhen. Der Kapitalismus wird dabei nicht als „leidenschaftsloses“ System verstanden, sondern als System, das Leidenschaften zivilisiert, kanalisiert und in produktive Bahnen lenkt. Dieses Verständnis trägt zu einer anthropologischen Entlastung des Kapitalismus bei – er erscheint als Antwort auf eine problematische, aber veränderbare menschliche Natur.

Religiöse Naturalisierung des Kapitalismus

Christoph Deutschmann1 geht noch einen Schritt weiter, indem er den Kapitalismus nicht nur als anthropologisch legitimiertes, sondern als religiös überhöhtes System analysiert. In seiner Studie zur „Verheißung des absoluten Reichtums“ deutet er das kapitalistische Streben nach Akkumulation und Wachstum als säkularisierte Form religiöser Heilsversprechen. Das Subjekt des Kapitalismus handelt demnach nicht allein aus rationalen Interessen, sondern folgt einem impliziten Glauben an Erlösung durch Wachstum, Fortschritt und Innovation (Deutschmann 2001, S. 31).

Deutschmanns Perspektive stellt die These infrage, der Kapitalismus sei ein rein rationales, vernunftgeleitetes System. Vielmehr offenbart sich eine strukturelle Nähe zu religiösen Heilssystemen, was anthropologisch bedeutsam ist: Der Mensch erscheint hier als ein wesenhaft sinn‑ und heilssuchendes Wesen, das seine existenziellen Unsicherheiten nicht allein durch Konsum und Besitz, sondern durch symbolische Ordnungen zu kompensieren sucht. Der Kapitalismus übernimmt dabei die Funktion einer modernen Sinnmaschine – ein Deutungsangebot, das im wirtschaftlichen Erfolg eine Form existenzieller Rechtfertigung sieht.

Politisch-biopolitische Perspektiven: Der neue Mensch

Hendrik Hansen3 bringt eine biopolitische Perspektive in die Debatte ein, indem er den Kapitalismus nicht primär als Ausdruck naturgegebener menschlicher Eigenschaften, sondern als ein System versteht, das selbst an der „Erzeugung“ von Menschenbildern beteiligt ist. Das „Ideal des Neuen Menschen“ im Kapitalismus ist dabei keine anthropologische Konstante, sondern das Produkt politischer, kultureller und ökonomischer Formierungsprozesse (Hansen 2011, S. 84). Die kapitalistische Gesellschaft erzeugt Subjekte, die autonom, leistungsbereit, anpassungsfähig und wachstumsorientiert sind – Eigenschaften, die retrospektiv als „natürlich“ erscheinen, aber in Wirklichkeit Resultat von Disziplinierungs‑ und Optimierungsregimen sind.

Diese Perspektive relativiert die Vorstellung eines kapitalismusaffinen Menschenbildes und verweist auf die historische und kulturelle Gemachtheit anthropologischer Annahmen. Sie schärft das Bewusstsein dafür, dass jede Theorie über die Natur des Menschen im Kapitalismus zugleich eine Theorie über Macht, Kontrolle und Normalisierung ist. Insofern wirft Hansen eine kritische Perspektive auf alle Versuche, den Kapitalismus anthropologisch zu naturalisieren.

Ethisch-normative Alternativen: Gemeinwohlorientierung

Christian Felber2 plädiert in seinem Konzept der Gemeinwohl‑Ökonomie für eine Abkehr vom homo oeconomicus als anthropologische Leitfigur. Der Mensch, so Felber, sei nicht primär eigennützig und konkurrenzgetrieben, sondern zur Kooperation, Empathie und Solidarität befähigt (Felber 2008, S. 12). Das kapitalistische Menschenbild sei somit nicht naturgegeben, sondern Ausdruck eines ökonomischen Paradigmas, das bestimmte Eigenschaften fördert und andere unterdrückt.

Felbers Ansatz geht über die Kritik hinaus und entwirft eine alternative ökonomische Praxis, die sich an sozialen und ökologischen Werten orientiert. In seiner ethisch-normativen Perspektive erscheint der Kapitalismus nicht als Ausdruck, sondern als Verformung menschlicher Natur. Die Rückbindung wirtschaftlichen Handelns an moralische Prinzipien erscheint dabei nicht als idealistische Utopie, sondern als anthropologische Korrektur eines einseitig rationalistischen Menschenbildes.

Kritische Würdigung: Anthropologie zwischen Natur und Konstruktion

Die vorgestellten Perspektiven bieten ein breites Spektrum möglicher Deutungen der Beziehung zwischen Kapitalismus und menschlicher Natur. Gemeinsam ist ihnen der Versuch, die wirtschaftliche Ordnung nicht nur aus strukturellen, sondern auch aus anthropologischen Prämissen zu erklären – wenngleich mit sehr unterschiedlichen Ergebnissen.

Zugänge wie jener Hirschmans oder Deutschmanns tendieren dazu, die kapitalistische Ordnung als Ausdruck tief verwurzelter menschlicher Dispositionen zu interpretieren. Hier erscheint der Kapitalismus als eine Art „moralische Maschine“, die das ambivalente menschliche Begehren – zwischen Leidenschaft und Rationalität – zähmt und in produktive Bahnen lenkt (Hirschman 1977). Diese Sichtweise bietet ein hohes Maß an Erklärungskraft, birgt jedoch die Gefahr einer zu starken Verallgemeinerung. Denn sie tendiert dazu, historisch und kulturell kontingente Institutionen zu anthropologisieren.

Hansen und Felber setzen dem eine konstruktivistische Gegenposition entgegen: Der Mensch ist nicht „von Natur aus“ kapitalistisch, sondern wird in kapitalistischen Gesellschaften durch soziale Praktiken, Erziehung und Diskurse zu einem marktkonformen Subjekt geformt (Hansen 2011). Diese Perspektive erlaubt es, Macht- und Normierungsverhältnisse zu reflektieren, verlagert aber die Erklärungskraft vom Menschen auf die Struktur. Die Frage bleibt, ob eine solche vollständige Dekonstruktion anthropologischer Konstanten nicht selbst in eine Form von Relativismus führt, die grundlegende menschliche Bedürfnisse – etwa nach Sicherheit, Anerkennung oder Sinn – unterschätzt.

Eine pluralistische Sichtweise müsste demnach anerkennen, dass es keine eindeutige „Natur des Menschen“ gibt, die den Kapitalismus notwendig oder unmöglich macht. Vielmehr zeigt sich, dass wirtschaftliche Ordnungen wie der Kapitalismus mit bestimmten anthropologischen Annahmen korrespondieren, diese aber zugleich historisch herstellen und reproduzieren. Der Mensch ist weder durchgängig egoistisch noch durchgängig kooperativ – er ist beides, in unterschiedlichen Kontexten, zu unterschiedlichen Zeiten.

Fazit: Kapitalismus als Spiegel und Schule des Menschlichen

Die Begründung des Kapitalismus aus der Natur des Menschen ist kein abgeschlossenes theoretisches Projekt, sondern ein dynamischer Diskurs, in dem sich anthropologische, ökonomische, soziologische und normative Perspektiven überlagern. Ob der Kapitalismus ein Ausdruck, eine Formung oder eine Verzerrung menschlicher Natur ist, bleibt letztlich eine Frage der theoretischen Grundannahmen – und eine Frage der Perspektive.

In der pluralistischen Zusammenschau zeigt sich: Der Kapitalismus ist weder allein anthropologisch legitimiert noch vollständig konstruiert. Er lebt von einer Dialektik zwischen menschlichen Dispositionen – wie Begehren, Neugier, Konkurrenz, aber auch Kooperation und Moral – und sozialen Institutionen, die diese Dispositionen formen, verstärken oder abschwächen.

Diese Erkenntnis hat praktische Folgen: Wer den Kapitalismus verändern will, muss nicht nur seine Strukturen, sondern auch sein Menschenbild hinterfragen – und umgekehrt. Es bedarf einer offenen, interdisziplinären Debatte über die Bedingungen des Menschlichen im Ökonomischen, wenn zukünftige Wirtschaftsformen nicht nur effizient, sondern auch menschenwürdig und nachhaltig sein sollen.

Prüfprotokoll der Zitierstellen
Quelle Zitierstelle im Text Gefundene Stelle im Original HTTP‑Status / Zugriffsweg Bemerkung
Deutschmann, Christoph (2001) (Deutschmann 2001, S. 31) Keine vollständige PDF frei verfügbar; Angabe laut Sekundärquelle 200 OK / campus.de ❌ Seitenzahl nicht verifiziert
Felber, Christian (2008) (Felber 2008, S. 12) Sinngemäße Aussage in Textprobe bestätigt 200 OK / hanser.de ❌ Seitenzahl unsicher
Hansen, Hendrik (2011) (Hansen 2011, S. 84) PDF geprüft, Seite 84 gefunden 200 OK / nomos-elibrary.de ✅ gefunden
Hirschman, Albert O. (1977) (Hirschman 1977) Grundgedanke belegt, Seitenzahl nicht sicher 200 OK / PDF online ❌ keine Seitenzahl

Quellenverzeichnis

Deutschmann, Christoph. Die Verheißung des absoluten Reichtums. Zur religiösen Natur des Kapitalismus. Campus Verlag, 2001. zur Quelle Titelprüfung erfolgreich; Verlagslink stabil

Inhalt

Inhalt: Deutschmann untersucht den Kapitalismus als religiöse Erfahrung, wobei Geld und Kapital als immanente religiöse Kategorie gelesen werden und Wachstum sowie Innovation vor diesem Hintergrund neu interpretiert werden.

Beitrag: Er liefert eine soziologische Diagnose der Gegenwart und verknüpft Religions‑ und Kapitalismustheorie; für das Thema bietet er eine tiefgreifende Analyse der religiösen Dynamik von Kapitalismus.

Felber, Christian. Neue Werte für die Wirtschaft. Eine Alternative zu Kommunismus und Kapitalismus. Carl Hanser Verlag, 2008. zur Quelle Titel‑ und Autorprüfung erfolgreich; Verlagslink stabil

Inhalt

Inhalt: Felber plädiert für ein Wirtschaftsmodell, in dem humane Werte wie Kooperation, Selbstbestimmung und ökologische Verantwortung zentrale Rollen spielen.

Beitrag: Das Werk bietet eine normative Alternative zum traditionellen Kapitalismus bzw. Kommunismus und liefert Impulse für eine wertorientierte Wirtschaftstheorie – relevant für die Thematisierung der Werte im Kapitalismus.

Hansen, Hendrik. Das Ideal des Neuen Menschen im Kapitalismus. Nomos Verlag, 2011. zur Quelle Titel‑ und Autorprüfung erfolgreich; PDF‑Link stabil

Inhalt

Inhalt: Hansen untersucht im Rahmen von Biopolitik die Konstruktion des Bildes des „Neuen Menschen“ im Kontext kapitalistischer Gesellschafts‑ und Wirtschaftsordnungen und weist auf die Verschmelzung anthropologischer Ideale und ökonomischer Rationalitäten hin.

Beitrag: Der Beitrag leistet eine anspruchsvolle Schnittstellenanalyse von Kapitalismus‑ und Biopolitik‑Forschung und ist damit relevant für das Verständnis von Selbstoptimierung und Subjektivierung im neoliberalen Kapitalismus.

Zink, Verena. Albert O. Hirschman: Leidenschaften und Interessen. Politische Begründung des Kapitalismus vor seinem Sieg. Springer Fachmedien Wiesbaden, 2022. zur Quelle Titelprüfung erfolgreich, Herausgeberband und Kapitelnachweis vorhanden

Inhalt

Inhalt: Zink interpretiert Hirschmans Werk „Leidenschaften und Interessen“ im Kontext der Emotions- bzw. Affektsoziologie und zeigt, wie das Verhältnis von Leidenschaften und wirtschaftlichen Interessen im Frühkapitalismus gedacht wurde.

Beitrag: Der Beitrag verbindet Kapitalismustheorie mit Emotions- und Affektforschung und liefert damit eine Brücke zwischen ökonomischer und emotionssoziologischer Analyse – hilfreich für die Reflexion von Emotionen im Kapitalismus.

Autorenverzeichnis

[1] Christoph Deutschmann: (1946– ), Prof. Dr., Lehr‑ und Forschungs‑tätig an der Universität Tübingen, Soziologe, Themenschwerpunkte: Wirtschaftssoziologie, Geldsoziologie, Konsum‑ und Kapitalismuskritik

[2] Christian Felber: (1972– ), Mag. phil., Autor und Hochschullehrer, Initiator der Bewegung Gemeinwohl‑Ökonomie, Themenschwerpunkte: Werteorientierte Wirtschaft, Nachhaltigkeit, Alternativen zum Kapitalismus, Finanzreform

[3] Hendrik Hansen: Prof. Dr., Professor für politischen Extremismus und politische Ideengeschichte an der Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung, Themenschwerpunkte: Politische und ökonomische Theorien des Liberalismus, Internationale Politische Ökonomie, Extremismusforschung, Aufarbeitung totalitärer Systeme

[4] Veronika Zink: Dr., Wissenschaftliche Mitarbeiterin/Professorin am Institut für Soziologie der Martin‑Luther‑Universität Halle‑Wittenberg, Themenschwerpunkte: Wirtschafts‑ und Organisationssoziologie, Emotions‑ und Affektsoziologie, Kultur‑ und Kritische Soziologie

Inhaltliche Tags

#Wirtschaftsethik #Anthropologie #Kapitalismuskritik #Biopolitik #Emotionssoziologie #Interessenlehre #Gemeinwohlökonomie #Religionssoziologie

Mehr zum Thema

Schreibe einen Kommentar0