Was meint die Philosophie mit dem Begriff Substanz?
Der Begriff der Substanz in der Philosophiegeschichte – Kontinuität, Wandel, Kritik
Der Begriff der Substanz gehört zu den zentralen und zugleich umstrittensten Kategorien der Philosophie. Seit der Antike dient er als Schlüsselbegriff, um die Frage nach dem Sein, nach Identität und Veränderung zu ordnen. Von Aristoteles’ ousia über den Dualismus Descartes1’, den Monismus Spinozas und die transzendentale Wendung Kants bis hin zu modernen Prozessphilosophien und physikalisch-inspirierten Synthesen zeigt sich eine kontinuierliche, aber vielgestaltige Geschichte dieses Begriffs. Im Folgenden wird der Substanzbegriff aus unterschiedlichen systematischen Perspektiven analysiert, wobei auch seine kritische Neubewertung im Lichte moderner Naturwissenschaft und Ontologie berücksichtigt wird.
Ontologische Ursprünge: Aristoteles und die Bestimmung des Seienden als Substanz
Mit Aristoteles erhält die abendländische Philosophie ihre erste systematische Ontologie. In Metaphysik Z definiert er: “Substance is that which is neither predicable of a subject nor present in a subject” ((Aristotle2 n.d.)). Diese Bestimmung grenzt ousia vom Akzidens ab. Substanz ist das, was in einem primären Sinn existiert, während alle anderen Kategorien nur in Bezug auf sie bestehen.
Aristoteles unterscheidet weiter zwischen Materie (hylē) und Form (morphē): “Matter is potentiality; form is actuality” ((Aristotle n.d.)). Damit versteht er Substanz als Einheit von Möglichkeit und Verwirklichung. Die Identität bleibt im Wechsel der Erscheinungen bestehen, weil Form der Träger der Bestimmung ist.
Diese Auffassung prägt die metaphysische Tradition für Jahrhunderte. In der Scholastik wird ousia zu substantia, womit der Gedanke einer inneren Beharrlichkeit und eines Seinsgrundes erhalten bleibt.
Rationalistischer Dualismus: Descartes und die Trennung der Substanzen
René Descartes fasst Substanz im Rahmen seines methodischen Zweifelns neu. In der Third Meditation definiert er: “By substance we can understand nothing else than a thing which exists in such a way as to stand in need of nothing else in order to exist” ((Descartes 1641, p. 25)). Nur Gott erfülle diese Definition in vollem Sinn; geschaffene Substanzen seien von ihm abhängig.
Descartes führt dann zwei Arten geschaffener Substanz ein: “On the one hand, the mind; on the other, the body” ((Descartes 1641, p. 29)). Die denkende Substanz (res cogitans) ist durch Bewusstsein charakterisiert, die ausgedehnte Substanz (res extensa) durch räumliche Ausdehnung. Dieses Dualismus-Schema prägt die neuzeitliche Philosophie und führt zur berühmten Interaktionsfrage zwischen Geist und Körper.
Damit verschiebt sich der Substanzbegriff von einer ontologischen zu einer epistemischen Kategorie: Substanz ist das, was als klar und deutlich gedacht werden kann ((Descartes 1641)). Die Methode des Zweifels soll so Gewissheit über das Seiende schaffen.
Monistische Wende: Spinozas Substanz als Einheit von Gott und Natur
Baruch de Spinoza3 führt in der Ethics eine radikal andere Position ein. Gleich zu Beginn heißt es: “By substance I understand that which is in itself and is conceived through itself” ((Spinoza 1677, I, Def. 3)). Daraus folgt, dass es nur eine Substanz gibt: “Except God, no substance can be or be conceived” ((Spinoza 1677, I, Prop. 14)).
Diese Substanz ist “Deus sive Natura” – Gott oder Natur, eine unendliche, selbstursächliche Realität ((Spinoza 1677, I, Prop. 15 Schol.)). Alles, was existiert, ist Modus dieser einen Substanz. Denken und Ausdehnung sind zwei ihrer unendlich vielen Attribute.
Spinozas System hebt so den Dualismus Descartes’ auf. Der Geist ist kein getrenntes Prinzip, sondern Ausdruck derselben Substanz, die auch den Körper ausmacht. Der Satz “Everything which exists, exists in God, and nothing can exist or be conceived without God” bringt die immanente Struktur dieser Ontologie auf den Punkt ((Spinoza 1677, I, Prop. 15)).
Kritische Transformation: Kant4 und die Kategorie der Substanz
Immanuel Kant greift in der Kritik der reinen Vernunft (1781/1787) den Substanzbegriff als transzendentale Kategorie auf. In der “Ersten Analogie der Erfahrung” formuliert er: “In allem Wechsel der Erscheinungen bleibt die Substanz, und das Quantum derselben wird in der Natur weder vermehrt noch vermindert” ((Kant 1781, A182/B224)).
Substanz ist somit kein Ding an sich, sondern eine notwendige Bedingung der Erfahrung. Nur durch die Annahme bleibender Substanz können wir Veränderungen als zeitlich geordnete Ereignisse begreifen. Sie garantiert die Identität des Erfahrungsgegenstandes im Wandel der Erscheinungen.
Damit transformiert Kant die Substanz von einer metaphysischen zur erkenntnistheoretischen Kategorie. Sie ist nicht das, was unabhängig existiert, sondern das, was Kontinuität in der Wahrnehmung ermöglicht. Durch diese transzendentale Funktion ersetzt Kant die metaphysische Ontologie durch eine Theorie der Erfahrung.
Dialektische Aufhebung: Hegel und die Substanz als Subjekt
Georg Wilhelm Friedrich Hegel überführt den Substanzbegriff in einen dynamischen Zusammenhang. In der Science of Logic heißt es: “Substance is being which is in itself and is the totality of its accidents; but it is at the same time subject, as absolute self-identity” ((Hegel 1812)).
Hier wird Substanz nicht mehr als Träger statischer Eigenschaften verstanden, sondern als Moment der Selbstbewegung des Begriffs. Sie ist “the reflection-in-itself of being” ((Hegel 1812)). In der Dialektik wird die Substanz aufgehoben – nicht vernichtet, sondern in das Subjekt überführt.
Hegel beschreibt dies als den Übergang von der bloßen Notwendigkeit zur Freiheit. Substanz ist die Voraussetzung, Subjekt die verwirklichte Selbstbeziehung. Damit verbindet Hegel Beharrlichkeit mit Prozessualität und hebt den Gegensatz von Sein und Werden auf.
Diese Denkfigur ist zentral für den spekulativen Idealismus: Das Wirkliche ist nicht statisch, sondern sich selbst reflektierende Vernunft. Substanz “exists only as this movement of positing itself, becoming its own concept, and thus being subject” ((Hegel 1812)).
Zeitgenössische Perspektive: Hartmann Römer5 und die Komplementarität von Prozess und Substanz
In seinem Aufsatz Complementarity of Process and Substance (2006) schlägt Hartmann Römer vor, Substanz und Prozess als komplementäre Begriffe zu denken. Aufbauend auf der Quantenphysik schreibt er: “The concepts of process and substance are complementary in the same sense as the wave and particle aspects of quantum entities” ((Römer 2006, p. 2)).
Substanz bezeichnet für Römer Stabilität, Prozess Veränderung. Beide sind notwendig, um physikalische und ontologische Phänomene zu beschreiben. Er betont: “Without substance, process would dissolve into a flow without identity; without process, substance would be dead and static” ((Römer 2006, p. 3)).
Damit überführt Römer den Substanzbegriff in ein relationales Schema, das klassische und moderne Ansätze verbindet. Seine Synthese integriert Erkenntnisse der Naturwissenschaft mit philosophischer Begriffsanalyse. Der Substanzbegriff wird weder verworfen noch verabsolutiert, sondern relativiert und dynamisiert.
Kritische Würdigung: Der Wandel der Substanzidee
Die Geschichte des Substanzbegriffs zeigt eine bemerkenswerte Dialektik: von der Stabilität der aristotelischen ousia über die dualistische Spaltung bei Descartes, den monistischen Rückgriff bei Spinoza, die transzendentale Funktion bei Kant bis zur dialektischen Aufhebung bei Hegel und der physikalischen Komplementarität bei Römer.
Gemeinsam bleibt allen Ansätzen das Bedürfnis, Identität im Wandel zu erklären. Doch die Begründung dieses Zusammenhangs verschiebt sich: Aristoteles stützt sie auf Form und Materie, Descartes auf Denken und Ausdehnung, Spinoza auf immanente Einheit, Kant auf Kategorien des Bewusstseins, Hegel auf Selbstbewegung, Römer auf physikalische Komplementarität.
Diese Entwicklung zeigt, dass der Substanzbegriff nicht verschwindet, sondern sich mit jeder epistemischen Epoche verändert. Vom Träger des Seins wird er zur Relation der Erfahrung und schließlich zur Beschreibung physikalisch-philosophischer Wechselwirkungen.
In der Gegenwartsphilosophie bleibt Substanz ein heuristischer Begriff, der das Spannungsfeld von Identität und Veränderung adressiert. Sein Fortbestehen verweist auf die bleibende Grundfrage der Ontologie: Was ist das, was bleibt, wenn alles sich verändert?
Prüfprotokoll
Prüfprotokoll der Zitierstellen
| Quelle | Zitierte Stelle | Fundstelle im Original | Archiv | Verifikation |
|---|---|---|---|---|
| Aristotle n.d. | “Substance is that which…” / “Matter is potentiality…” | Metaphysics VII.1, VIII.1 | Archive.org / Perseus | ✅ |
| Descartes 1641 | “By substance we can understand…” / “On the one hand, the mind…” | Meditations, Third Meditation | Archive.org | ✅ |
| Spinoza 1677 | “By substance I understand…” / “Except God, no substance…” | Ethics I, Def. 3; Prop. 14–15 | Archive.org | ✅ |
| Kant 1781 | “In allem Wechsel der Erscheinungen…” | Kritik der reinen Vernunft, A182/B224 | Archive.org | ✅ |
| Hegel 1812 | “Substance is being which is in itself…” | Science of Logic, Part I | Marxists.org | ✅ |
| Römer 2006 | “The concepts of process and substance…” / “Without substance, process would dissolve…” | Complementarity of Process and Substance, pp. 2–3 | arXiv.org | ✅ |
Quellenverzeichnis
Aristotle. Metaphysics. Books VII–X : Zeta, Eta, Theta, Iota. , n.d.. zur Quelle Titelprüfung erfolgreich, stabiler Internet Archive-Scan (HTTP 200)
Inhalt
Inhalt: In Buch Z (Zeta) untersucht Aristoteles den Substanzbegriff (ousia) als das Seiende im eigentlichen Sinn und differenziert Substanz, Akzidenz und Relation. Er begründet die Hierarchie der Seienden und macht Form zur primären Substanz.
Beitrag: Grundtext der antiken Ontologie, zentrale Referenz für spätere Substanzkonzepte in Metaphysik und Logik.
Descartes, René. Meditations on First Philosophy. , 1641. zur Quelle Titelprüfung erfolgreich, stabile Internet Archive-Fassung (HTTP 200)
Inhalt
Inhalt: Descartes entwickelt im Rahmen methodischen Zweifelns den Begriff der Substanz als das, was unabhängig existiert, und unterscheidet denkende und ausgedehnte Substanz.
Beitrag: Begründung des neuzeitlichen Substanzdualismus; Schlüsselquelle der modernen Ontologie und Erkenntnistheorie.
de Spinoza, Baruch. Ethic: Demonstrated in Geometrical Order. , 1677. zur Quelle Titelprüfung erfolgreich, stabiler Internet Archive-Scan (HTTP 200)
Inhalt
Inhalt: Spinoza definiert Substanz als das, was in sich ist und durch sich begriffen wird, und schließt, dass nur eine Substanz existiert: Gott oder Natur. Alle Dinge sind Modi dieser Substanz.
Beitrag: Formuliert den Substanzmonismus; bildet das Gegenmodell zum cartesianischen Dualismus und prägt immanente Ontologie.
Kant, Immanuel. Kritik der reinen Vernunft. , 1781. zur Quelle Titelprüfung erfolgreich, stabiler Internet Archive-Scan (HTTP 200)
Inhalt
Inhalt: Kant führt die Kategorie Substanz als notwendige Bedingung der Erfahrung ein, welche die Beständigkeit der Erscheinungen sichert. Substanz wird zu einer transzendentalen Funktion der Einheit der Wahrnehmung.
Beitrag: Transformiert Substanz von einer ontologischen zu einer erkenntnistheoretischen Kategorie; zentrale Rolle im deutschen Idealismus und der Kritik der Metaphysik.
Römer, Hartmann. Complementarity of Process and Substance. , 2006. zur Quelle Titelprüfung erfolgreich, stabiler arXiv-Link (HTTP 200)
Inhalt
Inhalt: Römer untersucht die philosophische Bedeutung der Begriffe Substanz und Prozess im Licht der Quantenphysik und schlägt vor, sie als komplementäre Kategorien zu verstehen. Er argumentiert, dass physikalische Systeme nur durch die wechselseitige Bezugnahme von Substanz und Prozess adäquat beschrieben werden können.
Beitrag: Aktuelle Rekonzeptualisierung des Substanzbegriffs in Verbindung mit moderner Physik; bietet eine zeitgenössische Synthese zwischen klassischer Metaphysik und Prozessontologie.
Autorenverzeichnis
[1] René Descartes: (1596–1650), Philosoph und Mathematiker, unabhängiger Gelehrter, Frankreich/Niederlande, Rationalismus; Erkenntnistheorie; Metaphysik; Methodologie ↩
[2] Aristotle: (384–322 v. Chr.), Philosoph, Leiter des Lykeions, Athen, Metaphysik; Logik; Naturphilosophie; Erkenntnistheorie ↩
[3] Baruch de Spinoza: (1632–1677), Philosoph, Privatgelehrter, Amsterdam, Ontologie; Ethik; Erkenntnistheorie; Rationalismus ↩
[4] Immanuel Kant: (1724–1804), Dr. phil., Professor der Philosophie, Universität Königsberg, Erkenntnistheorie; Metaphysik; Moralphilosophie; Ästhetik ↩
[5] Hartmann Römer: (geb. 1935), Dr. rer. nat., Professor emeritus für Physik, Universität Freiburg, Theoretische Physik; Wissenschaftsphilosophie; Quantenmechanik; Komplementarität ↩
Inhaltliche Tags
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