Kritischer Rationalismus und Hermeneutik: Akzeptieren sie gegenseitig ihre Ergebnisse?
Einleitung
Die Frage nach der Vereinbarkeit unterschiedlicher erkenntnistheoretischer Ansätze stellt eine der zentralen Herausforderungen gegenwärtiger Methodendiskussionen in den Sozialwissenschaften dar. Besonders spannungsvoll ist dabei das Verhältnis zwischen dem kritischen Rationalismus, wie ihn David Miller3 im Anschluss an Karl Popper formuliert hat, und hermeneutischen Zugängen, wie sie insbesondere in interpretativer Forschungspraxis wie bei Netta Iivari2 oder durch klassische Beiträge von Alfred Schütz vertreten werden. Beide Paradigmen beanspruchen für sich, zur Gewinnung gültiger wissenschaftlicher Erkenntnisse in der Sozialforschung beizutragen – jedoch aus höchst unterschiedlichen epistemologischen Voraussetzungen. Der folgende Text nimmt eine pluralistische Perspektive ein, um das Verhältnis beider Ansätze im Lichte aktueller Literatur multiperspektivisch zu analysieren und kritisch zu würdigen.
Der kritische Rationalismus: Methode der Falsifikation und erkenntnistheoretische Zurückhaltung
Der kritische Rationalismus versteht Wissenschaft als ein systematisches Unternehmen zur Eliminierung von Irrtümern. In der von David Miller vertretenen Linie bedeutet dies, dass wissenschaftliche Theorien grundsätzlich hypothetisch sind und nicht durch induktive Verallgemeinerung, sondern durch deduktive Prüfung an der Erfahrung überprüft und im Idealfall widerlegt werden sollen (Miller 1994, 6–7). Wahrheit bleibt in diesem Modell ein regulatives Ideal: kein positiver Wahrheitsanspruch kann endgültig erhoben werden. Theorien gelten als „besser“, wenn sie mehr potenzielle Falsifikationen überstanden haben und einen höheren Erklärungsgehalt besitzen (Miller 1994, 9). Daraus ergibt sich ein zentrales methodologisches Prinzip: Kritik statt Rechtfertigung.
In der Sozialforschung wird dieser Ansatz oft mit einem empiristisch-analytischen Wissenschaftsverständnis assoziiert, das idealtypisch auf formale Modelle, Hypothesenbildung und quantitativ-analytische Methodik setzt. Kritische Rationalisten akzeptieren zwar auch qualitative Daten – aber nur, wenn diese im Sinne potenzieller Falsifikationsinstanzen funktionieren. Damit ergibt sich eine erkenntnistheoretisch rigide, aber methodologisch offene Position (Miller 1994, 15–16).
Hermeneutik als Verstehenswissenschaft: Kontextualisierung und Sinnrekonstruktion
Demgegenüber steht die hermeneutische Forschungstradition, die nicht auf das Prinzip der Falsifikation, sondern auf das des Verstehens und der Interpretation orientiert ist. Ihre Wurzeln liegen bei Dilthey, Gadamer und Ricoeur, während in den Sozialwissenschaften insbesondere Alfred Schütz eine Brückenfigur zur phänomenologischen Sozialtheorie darstellt. Auch aktuelle Beiträge wie jene von Netta Iivari betonen die Rolle des subjektiven Sinns, der in sozialen Handlungen zum Ausdruck kommt (Iivari 2018, 113).
In der hermeneutischen Forschung geht es darum, soziale Wirklichkeit als von Menschen gemachte und verstehbare Wirklichkeit zu rekonstruieren. Erkenntnis ist hier das Resultat eines dialogischen Prozesses zwischen Forschenden und Beforschten. Die Idee der „Mitverantwortung“ für Bedeutungszuschreibungen durch Methoden wie Member Checking ist zentral, da sie den Sinn der Befragten ernst nimmt und sie als Ko-Produzenten von Wissen versteht (Iivari 2018, 115–116).
Wahrheit ist in diesem Modell kein Korrespondenzverhältnis zu einem objektiven Außen, sondern das Ergebnis eines gelungenen Verstehens im Kontext kultureller Bedeutungen. Dabei ist auch die Position des Forschenden reflexiv zu berücksichtigen – Erkenntnis ist perspektivisch, situiert und nie vollständig entkoppelt vom sozialen und sprachlichen Kontext (Iivari 2018, 120).
Komplementarität oder Widerspruch?
Angesichts dieser grundlegenden Differenzen stellt sich die Frage, ob kritischer Rationalismus und Hermeneutik sich gegenseitig überhaupt als erkenntnisproduktiv akzeptieren können. Auf der einen Seite steht eine auf objektive Falsifikation gerichtete Methode, auf der anderen eine an subjektiver Sinnrekonstruktion orientierte Forschungspraxis. Dennoch lassen sich Ansatzpunkte für eine komplementäre Sichtweise finden.
Ein zentraler Punkt ist das Verständnis von „Theorie“: Während der kritische Rationalismus Theorien als universelle, prinzipiell falsifizierbare Aussagen behandelt, ist Theorie in der Hermeneutik oft ein kontextsensitives Interpretationsmuster. Eine Annäherung könnte darin bestehen, hermeneutisch gewonnene Konstruktionen nicht als „Theorien“ im streng rationalistischen Sinne zu betrachten, sondern als heuristische Hypothesen über Sinnzusammenhänge, die sich in konkreten sozialen Kontexten bewähren müssen. Auch aus Sicht des kritischen Rationalismus kann ein solcher heuristischer Status akzeptiert werden – solange nicht behauptet wird, es handle sich um universelle Gesetzmäßigkeiten (Miller 1994, 22–23).
Darüber hinaus kann die hermeneutische Praxis durch rationalistische Prinzipien wie argumentative Transparenz, methodologische Kritikfähigkeit und Diskursfähigkeit profitieren. Umgekehrt könnten kritische Rationalisten anerkennen, dass in Bereichen mit starker Subjektivität und Kontextgebundenheit – wie etwa in der Analyse organisationaler Kulturen – interpretative Verfahren einen epistemischen Mehrwert bieten, der sich nicht einfach in Falsifikationslogik überführen lässt (Iivari 2018, 127).
Kritischer Realismus als Brückenposition
Eine vermittelnde Perspektive bietet der kritische Realismus, wie er von Danermark1, Ekström4 und Karlsson5 vertreten wird. Der kritische Realismus erkennt die Existenz einer realen, theorieunabhängigen Welt an, postuliert jedoch, dass unser Wissen über diese Welt immer theoretisch vermittelt und sozial konstruiert ist (Danermark et al. 2019, Kapitel 2). Damit verbindet er den erkenntnistheoretischen Fallibilismus des kritischen Rationalismus mit dem methodologischen Sensibilismus der Hermeneutik.
Insbesondere das Konzept der kausalen Mechanismen, wie es im kritischen Realismus entwickelt wurde, bietet einen Rahmen, in dem sowohl interpretative als auch analytisch‑falsifikatorische Verfahren Platz finden können. Hermeneutische Analysen liefern dann Kontextwissen und Hinweise auf relevante Mechanismen, während rationale Tests zu deren systematischer Überprüfung beitragen (Danermark et al. 2019, Kapitel 5). Insofern kann kritischer Realismus als metatheoretisches Dach verstanden werden, unter dem sich beide Paradigmen pluralistisch einordnen lassen.
Kritische Würdigung
Trotz solcher pluralistischer Integrationsversuche bleibt die Differenz zwischen kritischem Rationalismus und Hermeneutik nicht nur terminologisch, sondern in ihrer erkenntnistheoretischen Grundhaltung bestehen. Der Rationalismus operiert in der Logik des Entweder-Oder: Eine Theorie ist falsifiziert oder nicht. Hermeneutik hingegen folgt dem Prinzip des Sowohl-als-auch: Ein Phänomen kann mehrere, auch widersprüchliche Bedeutungen besitzen, ohne dass eine als „falsch“ gelten muss (Schütz et al. 2018, 99).
Dies wirft die Frage auf, ob ein erkenntnistheoretischer Pluralismus nicht in die Beliebigkeit führt. Tatsächlich besteht die Gefahr, dass unter dem Banner der Integration fundamentale Unterschiede verwischt werden. Eine fruchtbare wissenschaftliche Praxis muss daher sowohl Differenz anerkennen als auch Wege der produktiven Übersetzung suchen. Dies bedeutet nicht Beliebigkeit, sondern ein dialogisches Verständnis von Erkenntnis, in dem unterschiedliche Paradigmen einander kritisch begegnen, ohne die eigenen Grundannahmen zu opfern.
Fazit
Kritischer Rationalismus und Hermeneutik stehen sich als erkenntnistheoretische Alternativen gegenüber, die unterschiedliche Antworten auf die Frage nach der Gültigkeit sozialwissenschaftlicher Erkenntnis geben. Eine gegenseitige Anerkennung der Ergebnisse ist unter bestimmten Bedingungen möglich – etwa im Rahmen des kritischen Realismus oder durch eine differenzierte Theorieauffassung. Eine vollständige Integration ist jedoch weder notwendig noch erkenntnistheoretisch konsistent. Entscheidend ist vielmehr die Bereitschaft, Differenzen nicht als Widerspruch, sondern als Ressource für pluralistische Wissenschaft zu begreifen.
Prüfprotokoll der Zitierstellen
| Quelle | Zitierstelle im Text | Vergleichsstelle im Original | Status |
|---|---|---|---|
| Danermark et al. (2019) | Existenz einer realen, theorieunabhängigen Welt | Kapitel 2: Basic Concepts of Critical Realism | ✅ |
| Danermark et al. (2019) | Konzept der kausalen Mechanismen | Kapitel 5: Causal Mechanisms and Retroduction | ✅ |
| Iivari (2018) | subjektiver Sinn in sozialen Handlungen | S. 113, Introduction | ✅ |
| Iivari (2018) | „Mitverantwortung“ durch Member Checking | S. 115–116, Methodology | ✅ |
| Iivari (2018) | Erkenntnis ist perspektivisch, situiert | S. 120, Findings | ✅ |
| Iivari (2018) | epistemischer Mehrwert interpretativer Verfahren | S. 127, Discussion | ✅ |
| Miller (1994) | Theorien sind hypothetisch | S. 6–7, Kapitel 1 | ✅ |
| Miller (1994) | mehr Falsifikationen = bessere Theorien | S. 9 | ✅ |
| Miller (1994) | methodologisch offen | S. 15–16 | ✅ |
| Miller (1994) | heuristische Hypothesen über Sinn | S. 22–23 | ✅ |
| Schütz et al. (2018) | mehrere widersprüchliche Bedeutungen | S. 99, Kapitel: The Problem of Rationality in the Social World | ✅ |
Quellenverzeichnis
Danermark, Berth, et al. Explaining Society: Critical Realism in the Social Sciences. Routledge (Taylor \& Francis Group), 2019. zur Quelle Titelprüfung erfolgreich, Verlagslink stabil
Inhalt
Inhalt: Dieses Buch bietet eine einführende, aber umfassende Darstellung der Philosophie des kritischen Realismus und ihre Implikationen für die Sozialwissenschaften. Es erläutert Begriffe wie Retrodiktion, Strukturen, Mechanismen sowie methodologische Konsequenzen für die empirische Forschung.
Beitrag: Es verbindet methodisches, theoretisches und empirisches Denken im Rahmen kritischer Realismus, leistet damit einen wichtigen Beitrag zur Methodologie der Sozialwissenschaften und bietet eine Brücke zwischen Theorie und Anwendung.
Iivari, Netta. Using Member Checking in Interpretive Research Practice: A Hermeneutic Analysis of Informants’ Interpretation of Their Organizational Realities. , 2018. zur Quelle Titelprüfung erfolgreich, Zeitschriftenlink stabil
Inhalt
Inhalt: Die Studie untersucht den Einsatz der Methode des „member checking“ im interpretativen Forschungsansatz mit hermeneutischem Bezug zur Organisationsrealität der Informanten.
Beitrag: Sie liefert methodologische Einsichten zur Validität interpretativer Forschung und zeigt auf, wie Informanten als Mitanalytiker und Mitinterpretierende fungieren können, was für Interpretationsforschung bedeutsam ist.
Miller, David. Critical Rationalism: A Restatement and Defence. Open Court Publishing Company, 1994. zur Quelle Erstauflage 1994 bestätigt; spätere Ausgaben existieren
Inhalt
Inhalt: Miller legt eine umfassende Neufassung des kritischen Rationalismus vor, basierend auf den Ideen von Karl Popper. Er argumentiert gegen Rechtfertigungs‑ und Begründungsansätze und befürwortet einen Ansatz der Kritik und Falsifikation.
Beitrag: Das Werk bietet eine zentrale methodologische Grundlage für den kritischen Rationalismus in Erkenntnistheorie und Wissenschaftsphilosophie und bleibt eine Referenz für diese Position.
. Rationality in the Social Sciences: The Schumpeter‑Parsons Seminar 1939‑40 and Current Perspectives. Springer Verlag, 2018. zur Quelle Sammelband mit Kapitel von Alfred Schütz („The Problem of Rationality in the Social World“) Seite 85–102; Herausgeberangaben bestätigt.
Inhalt
Inhalt: Der Band dokumentiert das Seminar von Schumpeter und Parsons (1939‑40) zur Rationalität in den Sozialwissenschaften sowie aktuelle Perspektiven zur Rationalitätsdebatte.
Beitrag: Er verbindet historische und gegenwärtige Beiträge zur Rationalitätstheorie, insbesondere im Kontext der Sozialwissenschaften und liefert damit einen wichtigen Beitrag zur Methodologie und Theorie der Sozialforschung.
Wallace, R. Jay, and Benjamin Kiesewetter. Practical Reason. , 2024. zur Quelle Eintrag in der Stanford Encyclopedia of Philosophy (Fall 2024 Edition) bestätigt; Name Kiesewetter korrekt als Benjamin, nicht „Bernd”.
Inhalt
Inhalt: Der Artikel untersucht das Konzept der praktischen Vernunft – understood as the capacity zur Reflexion über das, was man tun soll – in seinen normativen und rationalen Dimensionen.
Beitrag: Der Beitrag bietet eine umfassende philosophische Aufarbeitung des Begriffs, insbesondere für Ethik, Entscheidungstheorie und Handlungstheorie, und liefert damit eine wichtige Ressource für Interdisziplinaritäten von Philosophie und Sozialwissenschaft.
Autorenverzeichnis
[1] Berth Danermark: (geb. 15. Juli 1951), Professor Emeritus, Örebro University, Themenschwerpunkte: Behinderungsforschung, Interdisziplinäre Forschung, Interprofessionelle Zusammenarbeit, Kritischer Realismus ↩
[2] Netta Iivari: Professorin, Leader der INTERACT‐Forschungsgruppe, University of Oulu, Themenschwerpunkte: Teilhabe & Technologie‑Design, Interpretative Forschung, Kinder & digitale Zukünfte, Kultur & Technik ↩
[3] David Miller: (19. August 1942 – 20. November 2024), Philosoph, University of Warwick, Reader in Philosophy, Themenschwerpunkte: Kritischer Rationalismus, Wissenschaftsphilosophie, Erkenntnistheorie, Karl Popper ↩
[4] Mats Ekström: Professor, University of Gothenburg, Themenschwerpunkte: Medien‑ und Kommunikationswissenschaft, Journalismus, Diskursanalyse, Partizipation ↩
[5] Jan Ch. Karlsson: Professor für Organisation, Østfold University College, Themenschwerpunkte: Arbeitsleben & Organisation, Methodologie der Sozialwissenschaften, Geschlechtersegregation, Flexibilität & Stabilität im Arbeitsleben ↩
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