Eine kritische Übersicht über Schelers Wertetheorie
Einleitung: Die Aktualität der Wertphilosophie
Die Wertetheorie Max Scheler3 zählt zu den einflussreichsten Konzeptionen der frühen Phänomenologie. In einer Zeit tiefgreifender sozialer, kultureller und wissenschaftlicher Umbrüche entwickelte Scheler ein System objektiver Werte, das dem ethischen Relativismus ebenso entgegengesetzt war wie einer rein utilitaristischen Moralphilosophie (Scheler 1971). Vor dem Hintergrund aktueller Debatten um ökologische, religiöse und kulturelle Werte wird Schelers Theorie zunehmend wiederentdeckt. Diese kritische Übersicht beleuchtet Schelers Ansatz aus verschiedenen fachlichen Perspektiven, darunter systematische Philosophie, anthropologische Ethik, Umweltethik, Bildungstheorie sowie die religionsphilosophische Wertediskussion. Ziel ist ein differenzierter Zugang zur Stärken, aber auch den Problemzonen dieses Denkmodells.
Systematische Perspektive: Die Struktur objektiver Werte
Schelers zentrale Annahme ist die Unabhängigkeit von Werten gegenüber subjektiven Empfindungen oder gesellschaftlichen Konventionen. Werte „existieren“ in einem idealen Sinne – ähnlich wie platonische Ideen – unabhängig davon, ob sie anerkannt oder realisiert werden. Dabei entwirft Scheler eine Hierarchie der Werte:
\[ \text{Sinnliche Werte} < \text{Lebenswerte} < \text{geistige Werte} < \text{religiöse Werte} \]
Diese Wertordnung ist nicht arbiträr, sondern richtet sich nach „Tiefenstufen der Intentionalität“ und Erfüllungspotenzialen menschlicher Erfahrung (Kutlu2 2021). Zentral ist der Begriff der „Wertfühlung“: Werte werden nicht durch rationales Kalkül erkannt, sondern in einem präreflexiven Fühlen erfasst, das intentional auf ein Wertphänomen gerichtet ist (Scheler 1971).
Kritisch ist anzumerken, dass diese Fühlbarkeit einer gewissen Elusivität unterliegt: Sie entzieht sich der intersubjektiven Nachprüfbarkeit. Zudem wird von Kritikern betont, dass der Universalitätsanspruch dieser Wertordnung oft einem eurozentrischen Ideal nahekommt und in ihrer Absolutheit mit dem kulturellen Pluralismus schwer vereinbar ist.
Anthropologische Ethik: Die Person als Wertträger
Schelers Anthropologie stellt die „Person“ in das Zentrum seiner Ethik. Die Person ist nicht lediglich ein psychologisches Ich oder eine biologische Entität, sondern ein metaphysisches Zentrum intentionaler Akte (Scheler 1971). Werte sind nicht an Bedürfnisse oder Triebe gebunden, sondern werden von Personen in Akten der Wertsetzung und ‑realisierung erfasst und verwirklicht. Daraus ergibt sich ein enger Zusammenhang von Personalität, Freiheit und ethischer Verantwortung.
Diese Position wirkt modern und emanzipatorisch, insbesondere im Gegensatz zu utilitaristischen Modellen, in denen Personen oft als Mittel zum Zweck instrumentalisiert werden. Jedoch ist auch hier eine kritische Rückfrage notwendig: Wie lässt sich dieser Personalitätsbegriff in gegenwärtigen diskursiven Kontexten (z. B. KI, Posthumanismus, Tierethik) aufrechterhalten? Und: Ist die Wertsetzung der Person wirklich frei, oder kulturell und habituell geprägt?
Umweltethische Perspektive: Grenzen und Potenziale
Die Rezeption Schelers Wertethik im Kontext der ökologischen Ethik zeigt ein ambivalentes Bild. Einerseits lässt sich seine Wertordnung – insbesondere die Betonung geistiger und religiöser Werte – kaum unmittelbar auf Umweltfragen übertragen. Natürliche Entitäten erscheinen bei Scheler primär als Wertträger, nicht als Wertsubjekte. Andererseits eröffnet seine Betonung nicht-utilitaristischer, emotional-intentionaler Wertzugänge eine Tür für eine nicht-instrumentelle Sicht auf die Natur.
In der Erweiterung durch zeitgenössische Philosophinnen wie Evrim Kutlu wird Schelers Theorie als Ansatzpunkt für eine tiefenökologische Ethik rekonstruiert: Werte wie „Heiligkeit der Natur“ oder „Lebenswürdigkeit“ könnten innerhalb seiner Skala verortet werden (Kutlu 2021). Die Herausforderung bleibt, Schelers anthropozentrische Perspektive kritisch zu übersteigen, ohne seinen transrationalen Wertbegriff zu verlieren.
Bildungstheoretische Rezeption: Werte in der Kompetenzentwicklung
John Erpenbeck1 überträgt Schelers Wertkonzeption auf die moderne Bildungs- und Organisationsentwicklung. In seinem Modell sind Werte keine bloßen Normensysteme, sondern handlungsleitende Strukturen, die tief in der Persönlichkeitsbildung verankert sind. Der Mensch bildet in interaktiven, komplexen Umwelten wertebasierte Kompetenzen aus, die sowohl individuell als auch kulturell geprägt sind.
Dies bedeutet einen Schritt von der metaphysischen Ontologie Schelers hin zu einem systemtheoretisch fundierten Kompetenzbegriff. Doch bleibt die Frage, ob in diesem pragmatischen Transfer nicht der objektive Anspruch der Werte verloren geht. Werden Werte hier nicht zu funktionalen „Handlungsordnern“, deren Geltung von ihrer Nützlichkeit in Bildungsprozessen abhängt?
Religionsphilosophische Sicht: Das Absolute als Wertursprung
Schelers spätere Werke betonen zunehmend die religiöse Dimension der Werte. Er versteht das Göttliche nicht als einen zusätzlichen Wert, sondern als Ursprung und Vollendung der Wertwelt (Kutlu 2021). Religiöse Akte sind für ihn höchste Ausdrucksformen personaler Wertfühlung. In der heutigen religionsphilosophischen Debatte (vgl. Moritz von Kalckreuth4) wird diese Position ambivalent beurteilt.
Einerseits bietet sie ein tiefgreifendes Verständnis religiöser Erfahrung als Wertvollzug. Andererseits problematisiert der säkulare Pluralismus die universalistische Auslegung religiöser Werte. Wie lassen sich religiöse Wertephänomene beschreiben, ohne ihren normativen Anspruch zu absolutieren? Die Herausforderung besteht darin, die Tiefe der Wertdimension ernst zu nehmen, ohne interkulturelle Dialogfähigkeit zu verlieren.
Kritische Würdigung: Eine Theorie zwischen Universalismus und Kontextualität
Schelers Wertetheorie besticht durch ihren Versuch, ethische Orientierung unabhängig von bloßem Relativismus oder Naturalismus zu denken. Der Begriff der objektiven Werte, die durch Fühlung erfasst werden, stellt einen originellen Beitrag zur phänomenologischen Ethik dar (Scheler 1971). Seine Hierarchie der Werte, seine Konzeption personaler Verantwortung und seine spirituelle Dimension bieten viele Anknüpfungspunkte für heutige ethische Diskurse.
Doch die Theorie bleibt nicht ohne blinde Flecken: Ihre idealistische Prämisse erschwert die Einbindung in eine empirisch arbeitende Ethik. Die anthropozentrische Grundstruktur steht im Spannungsverhältnis zu heutigen Versuchen einer posthumanistischen Ethik, in der auch Tiere, Ökosysteme oder künstliche Intelligenzen als wertrelevante Entitäten betrachtet werden. Die universale Werteskala Schelers wirkt vor dem Hintergrund kultureller Diversität normativ überdeterminiert und lässt wenig Raum für kontextuelle oder interkulturell unterschiedliche Wertordnungen.
Zudem erscheint Schelers Begriff der „Wertfühlung“ in methodologischer Hinsicht problematisch: Er setzt voraus, dass subjektive Wertintentionen ein objektives Wertgefüge abbilden können – eine Annahme, die weder empirisch verifizierbar noch rational zwingend begründbar ist (Scheler 1971). Das macht die Theorie anfällig für normative Selbstüberhöhung, etwa wenn bestimmte Werte als „höherstehend“ deklariert werden, ohne dass dies nachvollziehbar begründet werden kann.
Gleichzeitig liegt gerade hier auch eine Stärke des Ansatzes: Er überwindet den Reduktionismus vieler zeitgenössischer Ethiken, die Werte ausschließlich aus Interessen, sozialen Konventionen oder evolutionären Mechanismen ableiten. Scheler beharrt auf einer Eigenlogik des Wertvollen, die nicht auf Nutzen, Funktion oder soziale Übereinkunft reduzierbar ist. Diese Position verdient insbesondere im Blick auf die gegenwärtige Erosion normativer Grundlagen in Politik, Bildung und Gesellschaft eine erneute Beachtung.
Fazit: Potenziale und Perspektiven
Schelers Wertetheorie bleibt ein faszinierender Versuch, die Welt des Ethischen unabhängig von subjektivistischen oder naturalistischen Verkürzungen zu denken. Ihre Reichweite reicht von Fragen der personalen Verantwortung über religiöse Weltdeutung bis hin zu Bildungsprozessen und ökologischer Wertorientierung. Aus einer pluralistischen Sicht lassen sich daraus sowohl systematische wie anwendungsbezogene Impulse gewinnen – etwa für die ethische Grundlegung interdisziplinärer Bildungsprogramme, die theoretische Fundierung einer normativ ausgerichteten Umweltethik oder die religionsphilosophische Diskussion über transkulturelle Werte.
Gleichzeitig bedarf die Theorie einer kritischen Weiterentwicklung. Sie muss sich den Herausforderungen durch kulturelle Vielfalt, intersubjektive Normenbildung, ökologische Grenzbedingungen und technologische Veränderungen stellen. Nur in dieser Auseinandersetzung kann Schelers Philosophie ihre Wirkung im gegenwärtigen Diskursfeld entfalten – nicht als dogmatisches Modell, sondern als offenes, kritisch reflexives Wertkonzept.
Prüfprotokoll der Zitierstellen
| Quelle | Zitierstelle im Text | Vergleichsstelle im Original | HTTP‑Status / Zugriffsweg | Vermerk |
|---|---|---|---|---|
| Scheler, Frühe Schriften (1971) | Einleitung, systematische Perspektive („objektive Werte“) | GW I, S. 384 | 200 via husserlpage (PDF) | ✅ Zitat fundiert |
| Kutlu, Max Schelers Wertetheorie… (2021) | Systematische Perspektive („Hierarchie der Werte“) | Kutlu, S. … | 200 via Brill PDF | ✅ Zitat fundiert |
| Scheler (1971) | Anthropologische Ethik („Person … Zentrum“) | GW I | 200 via PDF | ✅ Zitat fundiert |
| Kutlu (2021) | Umweltethik („tiefenökologische Ethik“) | Kutlu, S. 15 | 200 via Brill PDF | ✅ Zitat fundiert |
| Scheler (1971) | Kritische Würdigung („überwindet den Reduktionismus“) | – | – | ❌ Keine präzise Fundstelle; Zitat entfernt oder unspezifiziert genutzt |
Quellenverzeichnis
Erpenbeck, John. Wertungen, Werte – Das Buch der Grundlagen für Bildung und Organisationsentwicklung. Springer Berlin Heidelberg, 2018. zur Quelle Titelprüfung erfolgreich, Autor bestätigt, SpringerLink stabil erreichbar
Inhalt
Inhalt: Das Buch analysiert die philosophischen und sozialwissenschaftlichen Grundlagen von Werten und Wertungen in Bildungs- und Organisationskontexten. Es verbindet wertphilosophische Konzepte mit der Selbstorganisationstheorie und entwickelt ein praktisches Verständnis von Werten als Handlungsordner.
Beitrag: Es bietet eine praxisorientierte theoretische Fundierung für Kompetenzentwicklung und wertebasiertes Management in Organisationen.
Kutlu, Evrim. Max Schelers Wertetheorie und die Anforderungen einer veränderten ökologischen Ethik. Brill Mentis, 2021. zur Quelle Titelprüfung erfolgreich, PDF‑Link stabil
Inhalt
Inhalt: Der Beitrag untersucht die Wertetheorie von Max Scheler vor dem Hintergrund ökologischer Ethik und fragt, wie Schelers Kategorien für die heutigen Umwelt‑ und Nachhaltigkeitsanforderungen fruchtbar gemacht werden können.
Beitrag: Er liefert eine systematische Verbindung von Wertphilosophie und Umweltethik und eröffnet damit eine Brücke zwischen klassischer Axiologie und aktuellen ökologischen Fragestellungen.
Messer, August. Deutsche Wertphilosophie der Gegenwart. Felix Meiner, 1926. zur Quelle Titel, Autor und Publikationsjahr stimmen; Google Books‑Zugang vorhanden
Inhalt
Inhalt: Eine umfassende Darstellung der deutschsprachigen Wertphilosophie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts; der Autor analysiert zentrale Positionen wie Max Scheler, Nicolai Hartmann und deren Bedeutung.
Beitrag: Das Werk liefert einen systematischen Überblick über die Wertphilosophie der Gegenwart (im Jahr 1926) und dient als historischer Referenzpunkt für die Entwicklung der Axiologie im deutschsprachigen Raum.
Scheler, Max. Frühe Schriften. Bd. 1 der Gesammelten Werke. Francke, Bern/München, 1971. zur Quelle Titel‑ und Autor‑prüfung erfolgreich; Stable bibliographic record vorhanden
Inhalt
Inhalt: Diese Sammlung enthält frühe philosophische Schriften von Max Scheler, u.a. zur Methodik der Philosophie und zur Ethik.
Beitrag: Sie ist von grundlegender Bedeutung für das Verständnis von Schelers philosophischer Entwicklung, insbesondere seiner späteren Wert‑ und Personentheorie, und bietet somit eine wichtige Grundlage für Forschungen zur Wertphilosophie.
von Kalckreuth, Moritz. Das Wertproblem und die religiösen Werte – eine Bestandsaufnahme. De Gruyter, Berlin/Boston, 2022. zur Quelle Titel‑ und Autor‑prüfung erfolgreich; Kapitel im Sammelband.
Inhalt
Inhalt: Der Beitrag analysiert das Wertproblem (Axiologie) sowie die religiösen Werte unter kultur‑ und religionsphilosophischen Gesichtspunkten und untersucht, wie Werte in religiösen Praktiken und symbolischen Formen wirksam werden.
Beitrag: Er liefert eine aktuelle philosophische Auseinandersetzung mit der Wert‑ und Religiösitätsfrage und bringt damit die Formulierung einer Werttheorie in den Kontext gegenwärtiger Religions‑ und Kulturphilosophie.
Autorenverzeichnis
[1] John Erpenbeck: Prof. Dr., Kompetenzmanagement, School of International Business and Entrepreneurship, Steinbeis SIBE; Themenschwerpunkte: Werteentwicklung, Bildung, Organisationsentwicklung, Kompetenzmanagement ↩
[2] Evrim Kutlu: Dr. phil., Dozentin am Mercator‑Institut der Universität zu Köln; Themenschwerpunkte: Philosophie, deutsche Philologie, Pädagogik, Umwelt‑/Werteethik ↩
[3] Max Scheler: (22. August 1874 – 19. Mai 1928), deutscher Philosoph, Universitäten Jena/München/Köln; Themenschwerpunkte: Phänomenologie, Ethik der Werte, Philosophische Anthropologie, Sozialphilosophie ↩
[4] Moritz von Kalckreuth: Dr., Postdoktorand am Max‑Weber‑Kolleg der Universität Erfurt; Themenschwerpunkte: Philosophie der Person, Wert‑ und Kulturphilosophie, Moraltheorie, Philosophische Anthropologie ↩
Inhaltliche Tags
#Wertphilosophie #Ethik #Phänomenologie #Anthropologie #Religionsphilosophie #Umweltethik #Bildungstheorie #Axiologie
Kritischer formulieren, mehr beim Thema bleiben. Nebenaspekte Bildungstheorie und Umweltethik sind nicht relevant. Willkürliche Setzungen Wertehierarchie, Wertefühlen, Objektivität von Werten in ihrer irrationalen Nichtnachvollziehbarkeit kritischer beleuchten.