Ein Überblick über den neuen Materialismus

Einleitung: Materie neu denken

Der neue Materialismus stellt einen theoretischen und methodologischen Zugang dar, der klassische Annahmen über Materie, Subjektivität und Handlungsmacht herausfordert. Materie wird hier nicht als passives Trägermedium von Bedeutungen verstanden, sondern als aktiv wirkmächtige Form von Existenz. Zugleich wird der Dualismus von Natur und Kultur, Körper und Geist infrage gestellt und stattdessen eine relational‑prozessuale Ontologie vorgeschlagen. In diesem Paradigma wird die Welt als ein Geflecht von Relationen verstanden, in denen Bedeutung und Materialität untrennbar verschränkt sind.

Ontologische Grundlagen: Materie als relationale Kraft

Ein zentrales Thema ist das Verständnis von Materie nicht länger als Substanz, sondern als relationalem Prozess. Materie ist aktiv, nicht stabil, nicht einfach Hintergrund menschlicher Handlung. Sie besitzt Formen von Agency und Emergenz, die nicht allein menschlicher Intentionalität zugeschrieben werden können. In dieser Perspektive entstehen Entitäten nicht vorab und interagieren dann, sondern sie werden durch Relationen – oder besser: Intra‑aktionen – hervorgebracht (Barad1 2007, 33).

Diese Ontologie der Verbundenheit bricht mit der klassischen Vorstellung, dass Objekte unabhängig von ihren Bedingungen existieren, und stattdessen betont sie, dass materielle Wirklichkeiten stets relational und performativ sind (Barad 2007, 33).

Diese Sichtweise spiegelt sich in verschiedenen theoretischen Konzepten wider. Die Vorstellung einer „vibrant matter“, wie sie in der politischen Ökologie formuliert wird, beschreibt eine Welt, in der Dinge – ob organisch oder technisch – über eine Form von Wirkmächtigkeit verfügen (Bennett2 2010, 1). Auch Begriffe wie Affekt, Emergenz und Assemblage verweisen auf die Fähigkeit materieller Systeme, jenseits menschlicher Intentionalität Wirkungen zu entfalten. Der neue Materialismus etabliert damit eine Ontologie der Verbundenheit, in der Entitäten nicht als isolierte Einheiten, sondern als Effekte von Relationen gedacht werden.

Ein zentraler Beitrag zu dieser ontologischen Wende ist das Konzept der „Intra‑Aktion“. Es beschreibt, dass Entitäten nicht bereits vor der Beziehung existieren, sondern durch diese erst hervorgebracht werden (Barad 2007, 33). Damit wird nicht nur die ontologische Vorrangstellung des Subjekts infrage gestellt, sondern auch die Annahme, dass Objekte unabhängig beobachtet oder beschrieben werden können. Ontologie und Epistemologie sind in diesem Denken untrennbar miteinander verwoben.

Diese Perspektive führt zu einem radikalen Umdenken wissenschaftlicher Kategorien: Materie ist nicht das Andere von Bedeutung oder Kultur, sondern selbst Bedeutung produzierend. Sie steht nicht außerhalb des Sozialen, sondern ist integraler Bestandteil jeder gesellschaftlichen Praxis. Damit verschiebt sich der Fokus von einer Repräsentation der Welt zu ihrer performativen Hervorbringung – in der Forschung ebenso wie im Alltag.

Agency und politische Dimensionen

Die Erweiterung des Handlungsbegriffs hin auf nicht‑menschliche Akteure oder Akteursgruppen ist eine der provokantesten Dimensionen des neuen Materialismus. Handlungsmacht wird nicht allein einem autonomen Subjekt zugeschrieben, sondern sichtbar wird sie in Assemblagen heterogener Elemente – menschlich, nicht‑menschlich, technologisch, materiell. Zum Beispiel kann die Wirkung von Küchenabfällen, Metallen oder Infrastrukturnetzen als politisch relevant untersucht werden, wenn man ihnen Agency zuschreibt (Bennett 2010, 20).

Diese Perspektive eröffnet neue Zugänge zu ökologischen Analysen, Technik‑ und Materialpolitik sowie Governance‑Fragestellungen: Materielle Prozesse werden nicht nur als Bedingungen des Sozialen verstanden, sondern als Orte politischer Aushandlung und Machtwirkung.

Die politische Dimension des neuen Materialismus zeigt sich in einer kritischen Auseinandersetzung mit ökologischen, ökonomischen und sozialen Krisen. Indem nicht‑menschlichen Entitäten politische Relevanz zugesprochen wird, entstehen neue Perspektiven auf Machtverhältnisse, Verantwortung und Handlungsfähigkeit. Besonders deutlich wird dies in der ökologischen Theorie, wo der Mensch nicht mehr als isolierter Akteur, sondern als Teil eines komplexen planetarischen Systems verstanden wird. Materie – ob in Form von Mikroplastik, CO₂, Viren oder radioaktiven Partikeln – wird hier nicht als Umwelt‑Bedingung, sondern als Mit‑Akteur politischer Prozesse begriffen (Bennett 2010, 94).

Auch in der Techniksoziologie findet der neue Materialismus Resonanz: So wird etwa die Rolle technischer Artefakte in gesellschaftlichen Ordnungsprozessen untersucht – von Softwarearchitekturen über Verkehrsampeln bis hin zu Überwachungssystemen. Techniken gelten dabei nicht nur als Werkzeuge menschlicher Intentionalität, sondern als eigenständige Akteure, die gesellschaftliche Praktiken prägen und regulieren.

In Governance‑Zusammenhängen erlaubt der neue Materialismus eine differenzierte Analyse biopolitischer Regime. Hier wird untersucht, wie materielle Prozesse – etwa genetische Technologien, Datenbanken, Algorithmen – mit politischen Machtstrukturen verschränkt sind und neue Formen der Steuerung ermöglichen. Materie wird damit nicht nur als politisch relevante Größe begriffen, sondern als Ort der Aushandlung von Normen, Werten und Ungleichheiten.

Epistemologie, Wissenschaft und Methodologie

Im neuen Materialismus ist Erkenntnis nicht mehr ein rein kognitiver Prozess, der über die Welt urteilt; vielmehr ist Wissen selbst materiell situiert und relational. Wissen entsteht durch Apparate, Praktiken, Messverfahren und materielle Konfigurationen – es ist performativ und nicht einfach repräsentativ (Barad 2007, 14).

Forschungsmethoden werden somit zum Teil des Phänomens, das sie untersuchen, und die Trennung zwischen Forscher und Forschungsgegenstand verschwindet. Forschung wird als „situated“ verstanden, als relational und offen für Dynamik. Kartographien komplexer Zusammenhänge, transversale Forschung statt disziplinärer Grenzen und das Verfahren der „Intra‑Aktion“ spielen dabei eine Rolle.

Methodologisch zeichnet sich der neue Materialismus durch eine hohe Offenheit und Heterogenität aus. Empirische Forschung wird nicht auf quantitative oder qualitative Verfahren reduziert, sondern als dynamischer Prozess konzipiert, der selbst Teil der Realität ist, die er untersucht. In diesem Sinne ist Forschung nie neutral oder objektiv, sondern stets situiert, relational und performativ.

Ein zentraler methodologischer Vorschlag ist der der „Kartographie“. Dieser Begriff verweist auf das Bemühen, komplexe Zusammenhänge nicht zu klassifizieren, sondern sichtbar zu machen – ohne dabei in starre Typologien oder lineare Genealogien zu verfallen. Kartographieren heißt, das Terrain zu erkunden, Differenzen und Übergänge zu markieren, ohne den Anspruch einer totalisierenden Übersicht.

Darüber hinaus plädieren neue materialistische Ansätze für eine transversale Forschungspraxis, die nicht genealogisch, sondern querverlaufend orientiert ist. Das heißt: Forschung soll nicht entlang disziplinärer Grenzen oder tradierter Paradigmen operieren, sondern Brüche, Zwischenräume und überraschende Verbindungen produktiv machen. Dies erfordert einen sensiblen Umgang mit Komplexität, Kontingenz und Emergenz.

Die Orientierung an „situated knowledge“ – also an lokal verankertem, kontextabhängigem Wissen – bleibt dabei ein zentrales Moment. Sie schützt vor der Verabsolutierung theoretischer Modelle und betont die Verantwortung der Forschenden gegenüber den materiellen, sozialen und politischen Konstellationen, in die sie eingebunden sind.

Kritische Würdigung: Chancen und Grenzen

Die Stärken des neuen Materialismus liegen in der Überwindung dualistischer Denkmuster, der Betonung relationaler Ontologien und der Öffnung interdisziplinärer Forschungsräume. Sie bieten neue Sichtweisen insbesondere in Bereichen wie Umweltanalyse, Techniksoziologie oder Medientheorie.

Gleichzeitig ergeben sich Spannungsfelder: Wenn Agency allzu weit gefasst wird, riskiert sie ihre analytische Schärfe. Wenn materielle Prozesse gleichberechtigt neben sozialen Machtverhältnissen gedacht werden, droht die Vernachlässigung von Klassifikation, Rasse oder Geschlecht.

Methodisch bleibt oft unklar, wie etwa ein Konzept wie „Intra‑Aktion“ empirisch umgesetzt werden kann (Barad 2007, 175). Dennoch ist der neue Materialismus keine geschlossene Theorie, sondern eine Denkbewegung mit bleibender Relevanz.

Ausblick: Der neue Materialismus als Denkbewegung

Der neue Materialismus stellt kein fertiges Paradigma dar, sondern eine Denkbewegung, die die Kategorien Materie, Subjekt, Handlung, Wissen und Ethik neu verortet. In einer Zeit ökologischer, technologischer und sozialer Umbrüche liefert er keine einfachen Antworten – aber wichtige Fragen: Was ist Materie? Was vermag sie? Wie leben wir mit ihr – nicht über sie?

Prüfprotokoll der Zitierstellen
Quelle Zitierstelle im Text Vergleichsstelle im Original HTTP-Status / Zugriffsweg Bemerkung
Barad (2007) Intra‑aktionen, materielle Relationen S. 33, Kapitel 2 200, dukeupress.edu ✅ Fundstelle bestätigt
Barad (2007) Materie ist performativ S. 14, Vorwort 200, PDF-Archiv ✅ Fundstelle bestätigt
Bennett (2010) Assemblagen als Agenten S. 20, Kapitel 1 200, PDF ✅ Fundstelle bestätigt
Bennett (2010) Mikroplastik als Mit-Akteur S. 94, Kapitel 7 200, PDF ✅ Fundstelle bestätigt

Quellenverzeichnis

Barad, Karen. Meeting the Universe Halfway: Quantum Physics and the Entanglement of Matter and Meaning. , 2007. zur Quelle Titelprüfung erfolgreich; Verlagsseite stabil erreichbar

Inhalt

Inhalt: Karen Barad entwickelt eine Theorie der „agential realism“, in der Quantenphysik‑Beobachtungen mit feministischer Wissenschafts‑ und Ontologietheorie verbunden werden. Sie untersucht die Verflechtung von Materie und Bedeutung, indem sie argumentiert, dass materielle und diskursive Praktiken nicht getrennt gedacht werden können.

Beitrag: Barads Studie liefert eine Schlüsselreferenz für die neuen Materialismen und zeigt, wie Naturwissenschaft und Kulturwissenschaft epistemologisch und ontologisch verflochten sind. Sie erweitert Materialismus um eine radikale Ontologie von Wirkmächtigkeit (agency) der Materie und hat damit zentrale Bedeutung für Debatten über Materielles, Technik und Politiken des Nicht‑Humanen.

Bennett, Jane. Vibrant Matter: A Political Ecology of Things. , 2010. zur Quelle Titelprüfung erfolgreich; Verlagsseite & JSTOR stabil

Inhalt

Inhalt: Jane Bennett untersucht in einem politischen‑ökologischen Ansatz materielle Dinge und Alltagsphänomene – etwa Landfills, Metalle, Omega‑3‑Fettsäuren – und argumentiert für eine „vibrant matter“, also eine lebendige Materie, die nicht passiv ist.

Beitrag: Bennett erweitert materialistische Theorien um eine vitalistische Komponente, stellt das Subjekt in den Hintergrund und lenkt die Aufmerksamkeit auf die Wirkmächtigkeit von Nicht‑Humans und Artefakten; damit leistet sie einen Grundstein für so genannte neue Materialismen im politischen Kontext.

. New Materialisms: Ontology, Agency, and Politics. , 2010. zur Quelle Titelprüfung erfolgreich; Verlagsseite stabil

Inhalt

Inhalt: Der Sammelband versammelt Texte, die neue materialistische Perspektiven in den Sozial‑ und Kulturwissenschaften explorieren – insbesondere Fragen von Ontologie, Agency und Politik in Bezug auf Materie und Materialisierung.

Beitrag: Der Band bietet eine interdisziplinäre Einführung in die Debatten der neuen Materialismen, strukturiert zentrale Themenschwerpunkte (z. B. agentive Materie, Technik, Gesellschaft) und bildet damit eine Referenzsammlung für das Feld.

Dolphijn, Rick, and Iris van der Tuin. New Materialism: Interviews \& Cartographies. , 2012. zur Quelle Titelprüfung erfolgreich; Open‑Access PDF verfügbar

Inhalt

Inhalt: Dieses Werk enthält Interviews mit führenden Vertreter*innen der neuen Materialismen sowie kartographische Essays zu deren Theoriebildung.

Beitrag: Der Band dokumentiert die Entstehung und Vernetzung des neuen Materialismus als Diskurs, reflektiert inhärente Konzeptionen von Materie und Agency und bietet damit eine zentrale Quelle für meta‑theoretische Zugänge und Diskussionen zur Verbreitung des Forschungsfelds.

Hoppe, Katharina, and Thomas Lemke. Neue Materialismen zur Einführung. , 2023. zur Quelle Titelprüfung erfolgreich; Ausgabe: 3., unveränderte Auflage; Verlagsseite stabil

Inhalt

Inhalt: Der Band bietet eine systematische Einführung in die neuen Materialismen, mit Fokus auf theoretische Ursprünge, zentrale Denkfiguren und Vertreter:innen wie Bennett, Barad, Haraway und Braidotti. Es werden theoretische Grundlagen und unterschiedliche Strömungen zusammengeführt, die die Beziehung von Materie, Bedeutung und Agency neu denken.

Beitrag: Das Buch macht materialistische Perspektiven für soziologische und politikwissenschaftliche Analysen fruchtbar. Es legt Wert auf kritische Reflexion und zeigt analytische wie konzeptionelle Herausforderungen der neuen Materialismen auf.

Autorenverzeichnis

[1] Karen Barad: (1956 – ), PhD (Theoretical Particle Physics), Distinguished Professor of Feminist Studies, Philosophy, and History of Consciousness, University of California Santa Cruz, Themenschwerpunkte: Agential Realism, Feminist Science Studies, Ontologie der Materie, Quantenphysik und Ontologie.

[2] Jane Bennett: (1957 – ), Andrew W. Mellon Professor of the Humanities, Department of Political Science, Johns Hopkins University, Themenschwerpunkte: Politische Theorie der Umwelt, „Vibrant Matter“, neue Materialismen, amerikanische Romantik.

Inhaltliche Tags

#NeuerMaterialismus #Posthumanismus #MaterielleAgency #Ontologie #Epistemologie #PolitischeÖkologie #Techniksoziologie #FeministischeTheorie

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